H.G. Wells: Der Krieg der Welten

(The War of the Worlds, 1898) 
Der Rezension liegt die Taschenbuch-Ausgabe im Diogenes Verlag vor. Taschenbuch-Nummer 20171, Zürich 1974, übersetzt von G.A. Crüwell und Claudia Schmölders, 176 Seiten, ISBN 3-257-20171-0.

Schon der erste Absatz führt den Leser in die Situation ein, signalisiert Gefahr von einem Ort, von dem man es nicht vermuten kann, und bereitet eine bedrohliche Stimmung vor. Dann geht es Schlag auf Schlag. Zunächst bemerkt man seltsame Gasausbrüche auf dem Mars. Dann schlägt ein erster "Meteorit" ein, der sich als künstlich herausstellt. Weitere folgen. Diese sensationelle Nachricht erregt nur die Neugierde einiger Menschen, während das Leben in der nahen Ortschaft weiter seinen gewohnten Lauf nimmt. Dann richtet ein "Hitzestrahl" unter den Neugierigen ein Massaker an. 
Bis zum Tod der Marsianer durch die Infektion mit irdischen Bakterien kämpfen die Menschen vergebens gegen die überlegenen Marsianer, die den Kreis der Vernichtung immer weiter ziehen und das Herz eines Weltreiches treffen. Wells` Ich-Erzähler berichtet von einer Fülle der Zerstörungen und Kämpfe. Er irrt durch seine  Heimat, in der er sich nicht mehr geborgen fühlen kann. Die Menschen flüchten aus dem bedrohten Gebiet, flüchten übers Meer oder in Wunschträume hinein, oder aber sie lassen wie ein Geistlicher alles apathisch über sich ergehen. Die Beschreibung des Flüchtlingsstromes aus London heraus besitzt große Eindringlichkeit. Hier wird die Katastrophe anschaulich.
Man sollte beim Lesen auch nicht die emotionale Seite des Romans außer Acht lassen. Der Erzähler wird durch die Ereignisse von seiner Frau getrennt, er ist besorgt um sie, er sehnt sich nach ihr. Sein Weg wird dadurch bestimmt, wieder mit ihr, die mit vielen anderen geflohen ist, vereint zu sein. Das Motiv der Wiedervereinigung einer Familie wird n der Spielberg-Verfilmung wieder aufgegriffen.
Die Marsianer in diesem Roman gehören für mich zu den faszinierendsten und originellsten Aliens der SF-Geschichte Diese Wesen schildert Wells als bärengroße, gliederlose Rümpfe, die als Organe nur Gehirn, Herz und Lunge besitzen. Ein einziges lidloses Auge starrt intensiv. Um den Mund herum besitzen sie Bündel von Tentakeln als Fortbewegungs- und Greiforgane. Außerdem lässt ihr Verhalten auf das Fehlen von Emotionen schließen. Ihre ganze Erscheinung ist das Produkt einer im Vergleich zur irdischen wesentlich längeren Evolution. Alle im Prinzip überflüssigen Eigenschaften, die auf die animalische Herkunft verweisen, sind verschwunden. 
Der Mensch wird von diesen weiterentwickelten Wesen zum Schlachtvieh, zum unerwünschten Bewohner des zu erobernden Gebiets degradiert. Es ist tröstlich, dass die Marsianer an einem übersehenen Faktum, der Existenz von Bakterien scheitern.
Doch Wells rückt sie nicht weg vom Leser als das völlig Fremde, wie es andere Autoren machen, sondern stellt Verbindungen zwischen ihnen und den Menschen her. Der Mensch könnte in Millionen von Jahren auch so aussehen. Das, was die Marsianer so entsetzlich macht, ist auch in uns Menschen schon angelegt.
Der Krieg gegen den Menschen verläuft nach sozialdarwinistischen Gesetzmäßigkeiten: Die tüchtigere Art verdrängt die schwächere vollkommen. In Wells' Vorstellungswelt ist die Evolution nach der darwinistischen Lehre zu einem Leitbild, einem Modell geworden. Mit dessen Implikationen hat er sich sehr fruchtbar auseinandergesetzt. 
Man kann in der Handlung auch die Antizipation der totalen Krieges sehen, der zwischen Kämpfenden und Unbewaffneten keinen Unterschied mehr macht. Doch man sollte auch das Vorgehen der Marsianer mit dem der Weißen in Nordamerika oder auf Tasmanien vergleichen, um Wells' Intentionen zu verstehen, der auch die andere Seite der Herrlichkeit eines Weltreiches zeigen wollte.
Doch die Qualität, Bedeutung des Romans erschöpft sich nicht in der kritischen und geistig-kulturellen Horizonterweiterung. Eine Eigenschaft führt zur anderen Seite des Werkes, die auch die Wirkung mitverursacht. Wells begründet die Ernährungsweise der Marsianer, sich das Blut anderer Wesen zu injizieren mit dem evolutionären Wegfall der Verdauungsorgane. Abgesehen vom begründeten Zweifel, ob Menschenblut für ein so fremdes Wesen überhaupt verträglich ist, erscheint diese Begründung vorgeschoben, wenn man bedenkt, wie bedrohlich die Marsianer dadurch werden. Sie werden zu Vampiren, die sich gewissermaßen von der menschlichen Lebenskraft ernähren. 
Der Vampirismus der Marsianer ist vermutlich eine Entlehnung. Ein Jahr vor "Der Krieg der Welten" erschien "Dracula" von Bram Stoker. Wells zumindest bediente sich mit Erfolg der Mittel der älteren Gattung, um den Leser zu fesseln. Sie wurde erst geschaffen, aus Elementen schon bestehender Gattungen, wie der gothic novel, der Utopie und den Imaginären Reisen.
Krieg der Welten gehört zu den einflussreichsten SF-Romanen. Es gibt Fortsetzungen von mehreren Autoren, unter anderem auch von Stephen Baxter und sogar ein Prequel. 

(Diese Rezension ist ein stark überarbeiteter Teil eines Artikels über H.G. Wells, der in Bawuemania 9 erschienen ist.) 

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© Michael Baumgartner