1981, Originaltitel: Pallati i Endrave, Fischer Taschenbuch Verlag, 2005, 223 Seiten, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Joachim Röhm
In einer irreal wirkenden Version des Osmanischen Reiches erhält Mark-Alem ein junger albanischer Mann das Privileg im geheimnisvollen ‚Palast der Träume‘ arbeiten zu dürfen. In dieser seltsamen bürokratischen Institution werden Träume gesammelt, ausgewählt, interpretiert und einmal wöchentlich an den Sultan weitergeleitet, der sich davon Aufschlüsse über die Zukunft seines Reiches erhofft.
Zusammen mit dem Protagonisten, der aufgrund wohlwollender Mächte von einer Abteilung in die nächsthöhere befördert wird, gerät der Leser in ein undurchsichtiges Gespinst, das sich weniger mit den Träumen selbst, als vielmehr mit den endlosen, unerklärlichen Verwaltungsakten beschäftigt, mit denen sie katalogisiert werden. Ein schleichendes Gefühl der Bedrohung stellt sich ein, Vorgesetzte und Arbeitskollegen agieren eigenartig und eine tiefere Bedeutung der Vorgänge will sich dem Helden nicht erschließen. Als privilegiertes Mitglied einer angesehenen osmanischen Familie wird er schließlich in eine blutige Fehde zwischen zwei Machthabern verwickelt, doch auch dies gibt ihm keinen Aufschluss darüber, was überhaupt seine Funktion in diesem absurden Räderwerk der Gedankenerfassung ist.
Das alles erinnert schwer an Kafka und tatsächlich erzeugt der Roman von Ismail Kardare eine Atmosphäre, die man aus literarischen Brocken wie DER PROZESS oder DAS SCHLOSS kennt. Auch Stil und Qualität der Übersetzung kommen dem Vorbild sehr nahe; bisweilen liest sich DER PALAST DER TRÄUME etwas leichter, weil der Autor im Gegensatz zu Kafka hin und wieder Dialoge einbaut. Eine gewisse Faszination lässt sich der Geschichte nicht absprechen, erscheint es doch recht mutig, ausgerechnet bei diesem Titel den Inhalt von Träumen gerade nicht zu thematisieren, sondern stattdessen einen geradezu erdrückenden Staatsapparat zu beschwören, der symbolhaft angedeutet, die intimsten Gedanken der Bevölkerung buchstäblich einsammelt, filtert und auswertet. Kadare spannt einen Bogen zwischen Orwell und Kafka und kann einerseits als Auseinandersetzung mit der stalinistischen Diktatur im Albanien der 1970er und 1980er-Jahre gelesen werden, andererseits auch allgemein als Warnung vor einem Überwachungsstaat, der in das Privatleben seiner Bürger eingreift. In bester Kafka-Manier hat der Protagonist auch bei Kadare keine Ahnung, was überhaupt vor sich geht (der Leser entsprechend auch nicht) und in Verachtung jeglicher dramatischer Klischees stellen sich dem Helden auch keine irgendwie gearteten Hindernisse in den Weg; im Gegenteil: ohne zu wissen warum, wird der Neuankömmling im riesenhaft verwinkelten Palast der Träume von geheimnisvollen Gönnern stetig befördert. Die Spannung - wenn man überhaupt davon sprechen kann – geht vielmehr vom Mysterium aus, von einem schleichenden Unbehagen, das Kadare mittels erlesener Beschreibungen von schlichter Eleganz erzeugt und das den Leser Seite um Seite tiefer hineinführt in sein bizarres Labyrinth.
Trotz seines eigenwilligen Charakters wird dieser seltsame Trip jedoch etwa ab der Hälfte etwas mühselig. Der geneigte Kafka-Liebhaber weiß: das Schwelgen in skurrilen Ideen und abgründigem Humor kann schnell umschlagen in einen quälenden Wortmorast, der von einer Widersprüchlichkeit in die nächste führt. Bei Kadare blitzen zudem noch politische Schlaglichter auf, deren Bedeutungen leider untergehen, wenn man sich nicht mit dem Osmanischen Reich (1299-1922) und dessen Verbindungen zum Stalinismus auskennt. So ist DER PALAST DER TRÄUME ein etwas zwiespältiges Vergnügen und nur Lesern zu empfehlen, die nichts auf gängige Dramaturgie geben und auch mal einen Protagonisten aushalten, mit dem man sich so gut wie gar nicht identifizieren kann.
Armin Hofmann