Bernardine Evaristo: Blondes Herz

(Blond Roots, 2009)
Tropen bei Klett-Cotta, Hardcover, 2025, übersetzt von Tanja Handels, 331 Seiten, ISBN 978-3-608-50275-6

 

gelesen von Angelika Herzog

Bernardine Evaristo, geboren 1959 in London, ist eine vielfach ausgezeichnete britische Autorin und Professorin für Kreatives Schreiben. Sie wurde 2019 mit dem Booker Prize für ihren Roman Girl, Woman, Other ausgezeichnet, der in deutscher Übersetzung unter dem Titel Mädchen, Frau etc. bei Tropen / Klett-Cotta erschienen ist. Evaristos Werk erkundet Identität, Gender und Herkunft in der afrikanischen Diaspora, oft mit experimenteller Formensprache, die sie selbst als „Fusion Fiction“ bezeichnet. Bei Klett-Cotta sind u. a. auch die Romane Mr Loverman, Blondes Herz (Blonde Roots) und Zuleika (The Emperor’s Babe) erschienen.
In einer Welt, wo Afrika Kolonialmacht ist, wird Geschichte neu geschrieben – doch Evaristos Blondes Herz ist mehr Dystopie als Dialog
Alternative Geschichte gehort zum Fundament der Science-Fiction: Was ware, wenn die Welt ganz anders verlaufen ware? Was, wenn die Machtverhaltnisse vertauscht waren, Kolonialisierung andersherum stattfand – und Europa der versklavte Kontinent ware? Bernardine Evaristo greift genau diese Idee in ihrem Roman Blondes Herz auf: Die Welt wird auf den Kopf gestellt. Afrika – hier Aphrika – ist Kolonialmacht. Weise Menschen – hier Waize – werden versklavt, verschleppt, unterworfen. Sprache, Geografie, Geschichtsbilder werden gezielt verfremdet.
Was als literarische Satire beginnt, wird zum dusteren Gedankenspiel. Und doch: Fur mich war es eine kalte, fremde Lekture.
Ich habe Evaristos erste beiden Romane auf Deutsch sehr geschatzt. Mädchen, Frau etc. war ein literarisches Wunderwerk – vielstimmig, beruhrend, klug gebaut.
Mr Loverman lebte vom Humor, von der Warme seiner Figuren. Blondes Herz dagegen ist etwas ganz anderes: literarisch radikal, aber emotional verschlossen. Und das macht die Lekture nicht nur schwierig, sondern streckenweise regelrecht schmerzhaft – ohne befreiende Wirkung.
Ein Parallelweltroman mit Konzept – aber ohne Verbindung
Im Zentrum steht Doris – ein hellhautiges Madchen aus Europa, das von einem
Sklavenhandlertrupp verschleppt wird und in die aphrikanische Welt der Unterdruckung gerat. Wir folgen ihrem Weg durch verschiedene Stationen der Gewalt, durch Flucht, Ruckkehr, Demutigung, Uberleben. Die Idee: durch Umkehrung kolonialer Realitaten ein neues Verstandnis von Geschichte ermoglichen. Und das gelingt – stellenweise. Aber es bleibt ein Konzept, das sich nicht in Leben verwandelt.
Doris ist zwar eine starke Frau, aber keine zugangliche. Und schlimmer noch: Die Frauen um sie herum sind es auch nicht. Blondes Herz wird als feministischer Klassiker beworben – doch ich finde vor allem gegenseitige Abwertung, Misstrauen, Harte. Schon Doris kann ihre Schwestern nicht leiden, und auch die anderen Frauen – Mutter, Herrinnen, Helferinnen – sind durchweg unsympathisch, oft grausam, nie solidarisch. Erst Ye Meme am Ende bringt so etwas wie Zuneigung ins Spiel.
Doch da ist vieles schon abgestorben.
Man kann das als mutiges Erzahlen lesen. Man darf aber auch sagen: Fur einen Roman, der ausgerechnet in seinem deutschen Klappentext mit „emotionaler Wucht“ und „humorvoller Gesellschaftskritik“ wirbt, fehlt hier genau das – Emotion und Humor. Was bleibt, ist blanke Brutalitat. Drastische Schilderungen, sadistische Szenen, viel Hohn. Und wenig Raum zum Andocken.
Zwischen Aneignung und Zielpublikum
Blondes Herz ist ein Roman, der fur ein englischsprachiges Publikum vielleicht eine dringend notige Irritation darstellt. Die koloniale Schuldgeschichte Grosbritanniens wird hier sichtbar gemacht, gespiegelt, umgekehrt. Das ist politisch kraftvoll. In der deutschen Ubersetzung aber wirkt vieles wie durch eine Nebelwand: Spracheffekte verlieren ihren Biss, Ironie geht unter, und die Verfremdung wird zur Sperrigkeit.
Das macht die Lekture nicht nur anstrengend, sondern entfremdet. Es ist, als wurde man einem fremden Streit beiwohnen, ohne zu wissen, worum es geht – und ohne dass jemand bereit ware, es zu erklaren.
Man konnte zynisch sagen: Diesen Roman zu ubersetzen war ein Akt kultureller Aneignung. Vielleicht ist es eher ein Akt politischer Solidaritat. Aber als Leseerlebnis bleibt es eine Herausforderung – vor allem fur Leser*innen, die sich nicht mit dem spezifisch britischen Kontext der kolonialen Umkehr identifizieren konnen.
Und warum gehört das in ein SF-Heft?
Weil Blondes Herz ein lupenreiner Parallelweltroman ist. Er benutzt das klassische Was-wäre-wenn, um ein System sichtbar zu machen. Aber im Gegensatz zu vielen Science-Fiction-Werken, die sich in ihrem Weltenbau Zeit fur Ambivalenz, Entwicklung und Menschlichkeit nehmen, lasst dieser Roman keinen Raum. Er ist Waffe, nicht Einladung. Seine Figuren schreien, aber sie sprechen nicht mit uns. Die Gewalt ist konkret, aber sie erzeugt keine Erkenntnis – nur Erschopfung.
Das Genre ist hier Vehikel, nicht Spielwiese. Und das ist ein valider, literarisch interessanter Zugriff – aber auch ein schmerzhafter. Wer auf erzahlerische Warme hofft, wie sie Evaristos erste Romane auszeichneten, wird enttauscht. Wer sich aber auf eine kompromisslose Dekonstruktion von Macht, Geschichte und Identitat einlassen will, wird etwas finden. Nur vielleicht nichts, was man liebt.
Fazit: wichtig, aber fremd
Blondes Herz ist ein Roman mit grosem Anspruch, aber wenig Empathie. Ein Buch, das gelesen werden will, aber nicht unbedingt verstanden. Fur mich hat es nicht funktioniert – weder emotional noch literarisch. Aber vielleicht reicht es, dass es existiert: als Stachel, als Spiegel, als Warnung. Und als Beitrag zu jener literarischen Science-Fiction, die dort beginnt, wo es wirklich unbequem wird.

Erstveröffeentlichung in "Baden-Württemberg Aktuell" Nr. 503, August 2025

 

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© Michael Baumgartner